Stimmt es, dass Hacker in europäischen Supermärkten absichtlich Lebensmittel verderben lassen und bald Engpässe drohen?

Stimmt es, dass Hacker in europäischen Supermärkten absichtlich Lebensmittel verderben lassen und bald Engpässe drohen?

Geprüft · aktualisiert · beobachtet bis

Aus dem Russischen übersetzt. Original

Gerücht: Anfang November 2026 heißt es, Hacker hätten Supermarkt-Kühlschränke in ganz Europa „in Öfen verwandelt“, in Frankreich Spenderblut „gekocht“, dahinter stecke Russland oder der Iran und Europa drohe ein Lebensmittelmangel.

1. Urteil

Falscher Schluss

Die Angriffe sind echt: In der Nacht zum 12. Oktober erhöhten Hacker die Temperatur in Kühlanlagen Hunderter Läden in Frankreich, in der Nacht zum 2. November in rund hundert weiteren Läden in mindestens 9 europäischen Ländern. Waren mussten entsorgt werden, der Schaden geht in die Millionen Euro. Einen Engpass gibt es aber nicht: Der EU-Agrarkommissar sagte, die Ernährungssicherheit der EU sei „derzeit nicht gefährdet“. Das Spenderplasma in Frankreich wurde nicht beschädigt – Mitarbeiter bemerkten die Störung rechtzeitig. Wer hinter den Angriffen steckt, ist offiziell nicht geklärt.

Hoch: Die Angriffe selbst und dass die Versorgung nicht gefährdet ist, bestätigen AFP, Reuters, AP und France 24; die anfälligen Geräte hat die französische Cybersicherheitsbehörde benannt. Nicht sehr hoch: Die Erklärung des französischen Blutspendedienstes kennen wir nur aus Medienberichten.

2. Behauptungen und Fakten

  • «Hacker schalten in europäischen Supermärkten absichtlich Kühlschränke ab oder heizen sie auf»Wahr

    Stimmt. In der Nacht zum 12. Oktober 2026 wurden die Kühlsteuerungen in Hunderten Läden in Frankreich gehackt (Intermarché, Système U, Carrefour, Monoprix und andere). In der Nacht zum 2. November traf es mehr als hundert Läden in Belgien, Luxemburg, den Niederlanden, Irland, Schweden, Finnland, Estland, Italien und Portugal. Die Anlagen wurden in den Abtaumodus geschaltet oder auf bis zu 50 °C hochgeregelt. Delhaize, Colruyt, Carrefour Belgium und Coop Sweden sprachen ausdrücklich von einem Cyberangriff.[2][3][5][8][7]

  • «Das ist ein komplexer Angriff, den nur ein Staat ausführen konnte»Verzerrt

    So nicht. Gehackt wurden alte Fernsteuerungen für Kühlanlagen (vor allem vom dänischen Hersteller Danfoss, aber auch von Copeland und Dixell), die offen im Internet erreichbar waren. Viele bekommen keine Sicherheitsupdates mehr, teils galten einfache oder Werkspasswörter. Die französische Cybersicherheitsbehörde warnte schon am 12. Oktober, solche offen erreichbaren Geräte seien „sehr wahrscheinlich“ bereits kompromittiert. Der Chef des britischen Zentrums für Cybersicherheit: Die Kühlanlagen in Frankreich hingen „mit Standardpasswörtern“ direkt am Internet.[1][6][8][9]

  • «Wegen der Angriffe gibt es in Europa bald Lebensmittelknappheit»Falsch

    Dafür gibt es keine Belege. EU-Agrarkommissar Christophe Hansen nannte die Angriffe einen „gezielten Versuch, die Lebensmittelversorgung zu stören“, sagte aber, die Ernährungssicherheit sei „derzeit nicht gefährdet“; real seien die Lebensmittelverluste und die Schäden für die Läden. Mehrere Ketten (Musgrave in Irland, Coop in Italien und Schweden) meldeten, die Störungen seien schnell behoben worden. Betroffen waren Dutzende Läden pro Land von Hunderten und Tausenden; in diesen Läden gab es vorübergehend weniger Kühl- und Tiefkühlware.[5][3][2][7][9]

  • «Hacker haben in Frankreich Spenderblut „gekocht“»Falsch

    Falsch. Der französische Blutspendedienst (EFS) teilte mit, dass in Kühllagern für Plasma an drei Standorten die Temperatur- und Abtauschwellen auf „extrem hohe Werte“ gesetzt wurden. Laut der Zeitung Le Canard Enchaîné wurde der Sollwert von −30 °C auf +110 °C geändert. Das war aber eine veränderte Einstellung, nicht die Temperatur im Inneren: Mitarbeiter bemerkten die Störung und lagerten das Plasma um. Laut EFS wurde keine einzige Probe beschädigt, Blutspende und -versorgung laufen normal.[11][12][14]

  • «Hinter den Angriffen steckt Russland»Nicht prüfbar

    Nicht belegt. Die prorussischen Hackergruppen NoName057(16) und Z-Pentest beanspruchten die Angriffe auf Telegram für sich, doch niemand hat das bestätigt, und Fachleute zweifeln: Die Gruppen gingen bisher anders vor. Einige Forscher halten eine Russland-nahe Gruppe für „sehr wahrscheinlich“. Der Kreml nannte die Vorwürfe „absurd“. Keine Regierung und keine Ermittlungsbehörde hat einen Täter benannt.[10][9][3]

  • «Hinter den Angriffen steckt der Iran»Nicht prüfbar

    Für Europa nicht belegt. Ähnliche Ausfälle von Tiefkühlern in Läden auf US-Militärbasen im August 2026 behandeln Ermittler laut zwei ehemaligen Beamten als Cyberangriff, ein Teil der Spuren weise auf den Iran – „hohe Gewissheit“ gebe es aber nicht. Angriffe auf eine Lebensmittelkette und ein Lebensmittelwerk in Israel schreibt eine israelische Firma für Vorfallsuntersuchung iranischen Hackern zu. Die europäischen Angriffe sind niemandem zugeordnet.[13][4]

  • «Die Angriffe auf Kühlanlagen gehören zur selben Welle wie die falschen Bombendrohungen gegen Flugzeuge»Nicht prüfbar

    Nicht belegt. Das sind Vermutungen von Analysten: Sie sprechen von einer möglichen gemeinsamen Operation von Gruppen mit Verbindung zu Russland oder Iran. Offiziell hat keine Behörde die beiden Ereignisse in Verbindung gebracht.[10]

3. Woher das Gerücht stammt

  • ≈ USA, Medien · en

    Ausfälle von Tiefkühlern in Läden auf mehreren US-Militärbasen. Das Pentagon spricht von einer „möglichen Störung der Kühlung“; ein Hack ist offiziell nicht bestätigt.[13]

  • Frankreich · fr

    In der Nacht übernehmen Hacker die Kühlsteuerung in Hunderten französischen Supermärkten. Die französische Cybersicherheitsbehörde warnt vor anfälligen Geräten von Danfoss, Copeland und Dixell. Die Pariser Staatsanwaltschaft ermittelt.[1][8]

  • Europa · en

    Zweite Welle: rund hundert oder mehr Läden in mindestens 9 Ländern. EU-Kommissar Hansen: Der Angriff war gezielt, die Ernährungssicherheit ist aber derzeit nicht gefährdet. In Belgien leitet die Bundesstaatsanwaltschaft Ermittlungen ein.[4][5][2][7]

  • Frankreich · fr

    In derselben Nacht werden an drei Standorten des französischen Blutspendedienstes die Einstellungen von Plasmalagern manipuliert. Das Plasma wird gerettet.[11][12]

  • Medien · ru

    Der Kreml nennt die Vorwürfe „absurd“. Russischsprachige Medien titeln „Kühlschränke wurden zu Öfen“, „ein echter Tauchsieder für Plasma“ und „eine Bedrohung, die Läden ohne Lebensmittel lassen könnte“.[10][14][15]

Wie sich der Text veränderte

  1. Zuerst: „Hacker haben Kühlanlagen in den Abtaumodus geschaltet, Lebensmittel wurden entsorgt“ (Meldungen der Ketten und Agenturen).
  2. → Dann in Schlagzeilen: „Kühlschränke wurden zu Öfen“, „50 °C“ – ohne Hinweis, dass es um Dutzende Läden pro Land geht und viele Ketten die Störung schnell behoben.
  3. → Der Sollwert +110 °C in Plasmalagern wird als „gekochtes Blut“ und „Tauchsieder für Plasma“ weitererzählt, obwohl das Plasma unbeschädigt blieb.
  4. → Aus den Verlusten einzelner Läden wird ein baldiger „Lebensmittelmangel in Europa“ abgeleitet, aus Bekennungen von Hackergruppen und Vermutungen von Experten „das war sicher Russland“ oder „das war der Iran“.

4. Was die Medien schreiben

  • Euronews (AFP)Kontext

    Liste der am 2. November betroffenen Länder und Ketten; anfällige Danfoss-Steuerungen; niemand hat sich bekannt.[2]

  • Al Jazeera (Reuters)Widerlegt

    EU-Kommissar Hansen: Ernährungssicherheit derzeit nicht gefährdet; kein Täter benannt.[3]

  • APKontext

    Gehackt wurden alte Geräte mit Standardpasswörtern; keine Hinweise auf KI-Einsatz; Täter unbekannt.[6]

  • The IndependentWiderlegt

    Französischer Blutspendedienst: Einstellungen der Plasmalager wurden verändert, aber keine Probe beschädigt.[11]

  • The Moscow TimesKontext

    Der Kreml bestreitet eine Beteiligung; Bekennungen prorussischer Gruppen unbestätigt; einige Experten vermuten eine Russland-nahe Gruppe.[10]

  • Pjaty Kanal (russischer Fernsehsender)Gibt wieder

    „Kühlschränke wurden zu Öfen“, „ein echter Tauchsieder für Plasma“ – obwohl im Text steht, dass das Plasma rechtzeitig umgelagert wurde.[14]

  • bb.lvGibt wieder

    Schlagzeile über eine Bedrohung, „die Läden ohne Lebensmittel lassen könnte“; im Text sind leere Regale eine Möglichkeit, keine Tatsache.[15]

5. Soziale Medien

  • Russischsprachige Nachrichtenseiten und TelegramPanik

    Das Thema wird mit Schreckbildern präsentiert – „Öfen“, „Tauchsieder“, „Läden ohne Lebensmittel“. Soziale Netzwerke haben wir nicht direkt durchsucht, die Reichweite ließ sich nicht schätzen.[14][15]

    2026-11-05

6. Anzeichen von Manipulation

  • Worte, die mehr Angst machen als die Fakten. „Kühlschränke wurden zu Öfen“, „Tauchsieder für Plasma“ – obwohl das Plasma unbeschädigt blieb und viele Ketten die Störung schnell behoben.
  • Aus Einzelverlusten wird ein Mangel abgeleitet. Schlagzeile „könnte Läden ohne Lebensmittel lassen“, während der EU-Kommissar sagt, die Ernährungssicherheit sei derzeit nicht gefährdet.
  • Nicht überprüfbare Quelle. Bekennungen von Hackergruppen auf Telegram hat niemand bestätigt, Experten zweifeln daran.
  • Fertiger Schuldiger statt Fakten. „Das war Russland“ oder „das war der Iran“ – keine Regierung und keine Ermittlungsbehörde hat einen Täter benannt.

7. Ähnliche Gerüchte in der Vergangenheit

  • Cyberangriff auf den großen US-Lebensmittelgroßhändler UNFI2025

    Ergebnis: Echte Störungen: In manchen US-Läden waren die Regale zeitweise leer. Ein Beispiel, bei dem ein Angriff tatsächlich Knappheit auslöste – aber über Lager und Logistik des Lieferanten, nicht über Kühlschränke einzelner Läden.[4]

  • Hack der Systeme eines Lebensmittelwerks und einer Lebensmittelkette in Israel

    Ergebnis: Eine israelische Firma für Vorfallsuntersuchung schrieb die Angriffe iranischen Hackern zu; eine Regierung hat die Zuordnung nicht bestätigt.[13]

  • In Europa werden Flugzeuge und Bahnhöfe „vermint“, dahinter stecke Russland oder der Iran

    Ergebnis: Irreführend: Es gab Drohungen gegen Flüge, aber keine Bomben, Bahnhöfe wurden nicht vermint, ein Täter ist nicht ermittelt.

Gemeinsamkeiten mit früheren Gerüchten

  • Ein echter Vorfall wird zur „Katastrophe“ und zum „Mangel“ aufgebauscht
  • Sofort wird ein schuldiger Staat genannt, obwohl die Ermittlungen laufen
  • Verschiedene Ereignisse einer Woche werden ohne Belege zu einem „hybriden Angriff“ verbunden

Neu

  • Der Angriff trifft nicht Daten, sondern physische Dinge – Lebensmittel im Regal
  • Die Schwachstelle ist lange bekannt: veraltete Kühlsteuerungen, offen im Internet erreichbar
  • Gleichzeitig war die Lagerung von Spenderblut betroffen

9. Was tun

  • Hamsterkäufe sind nicht nötig: Betroffen waren einzelne Läden, viele Störungen wurden schnell behoben, offizielle Warnungen vor Engpässen gibt es nicht.
  • Wirkt Kühl- oder Tiefkühlware angetaut oder ist die Verpackung aufgebläht – nicht kaufen und dem Personal Bescheid geben.
  • Leiten Sie Beiträge über „gekochtes Blut“ und „leere Regale“ nicht weiter, wenn sie nicht auf eine Erklärung des Ladens, des Blutspendedienstes oder der Behörden verweisen.
  • Seien Sie vorsichtig mit Versionen, „wer schuld ist“: Die Ermittlungen in Frankreich und Belgien laufen noch.

10. Was wir nicht prüfen konnten

  • Wer hinter den Angriffen steckt und ob die französische und die europäische Welle zusammenhängen: offiziell nicht geklärt.
  • Die Erklärung des französischen Blutspendedienstes: Den Originaltext haben wir nicht geöffnet, wir kennen ihn aus The Independent und anderen Medien; die Zahl +110 °C hat der Dienst nicht genannt.
  • Genaue Zahl der Läden und Länder am 2. November: Medien nennen 6 bis 11 Länder und „Dutzende“ bis „mehr als 100“ Läden – sie zählen unterschiedlich.
  • Ob verdorbene Ware verkauft wurde: Berichte darüber haben wir nicht gefunden.
  • Reichweite in sozialen Netzwerken: Soziale Netzwerke haben wir nicht direkt durchsucht.

11. Quellen

  1. CERT-FR – Sicherheitsvorfall bei Fernsteuerungen von Kühlanlagen (CERTFR-2026-ALE-012) · abgerufen 2026.11.06
  2. Euronews (AFP) – Welche Länder Europas von Angriffen auf Supermarkt-Kühlschränke betroffen sind · abgerufen 2026.11.06
  3. Al Jazeera – Very cold war: who's attacking Europe's supermarket freezers? · abgerufen 2026.11.06
  4. TechCrunch – Neue Welle von Cyberangriffen auf Supermarkt-Kühlanlagen in Europa · abgerufen 2026.11.06
  5. France 24 – Fresh wave of fridge cyberattacks hits European supermarkets · abgerufen 2026.11.06
  6. AP (ABC News) – European supermarket fridges got hacked. Again. Here's what to know · abgerufen 2026.11.06
  7. SecurityWeek – Over 100 European stores hit as supermarket fridge attacks return · abgerufen 2026.11.06
  8. Franceinfo – Was über den Cyberangriff auf Supermarkt-Kühlanlagen in Frankreich bekannt ist · abgerufen 2026.11.06
  9. RTÉ – How did supermarket fridges become a target for hackers? · abgerufen 2026.11.06
  10. The Moscow Times – Moscow denies it's behind freezer attacks at European supermarkets · abgerufen 2026.11.06
  11. The Independent (Yahoo News) – Hacker erhöhen Temperatur in Lagern einer Blutbank · abgerufen 2026.11.06
  12. Nation Thailand – Cyberangriff auf Lager für Spenderblut in Frankreich · abgerufen 2026.11.06
  13. NPR (OPB) – A new cold war: hackers target fridges in Israel, Europe and the U.S. · abgerufen 2026.11.06
  14. Pjaty Kanal – „Kühlschränke wurden zu Öfen: Wie Hacker in Europa Lebensmittel vernichten“ · abgerufen 2026.11.06
  15. bb.lv – „Warum hacken Hacker Kühlschränke?“ · abgerufen 2026.11.06

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